Das Potenzial der digitalen Revolution ist riesig für die Schweizer Wirtschaft. Doch diese droht die Zukunft zu verschlafen – wie auch die Schweizer Politik. ETH-Professor Dirk Helbing über die Bedeutung von Glasfasernetzen für die Zukunft der Schweiz.
Welche Bedeutung haben möglichst leistungsfähige Glasfasernetze für die digitale Revolution?
Prof. Dirk Helbing: Eine riesige. Datenvolumina nehmen exponentiell zu. Die Entwicklung führte von Fotos hin zu YouTube, jetzt zu „TV on Demand“, HDTV, Ultra HDTV, dann weiter zu 3D-Holographie und 3D-Druck. Je komplizierter beispielsweise die Produkte sind, die im 3D-Druck-Verfahren hergestellt werden, desto grösser die Datenmengen, die dafür benötigt werden. Wie gross diese Datenmengen sein werden, kann ich schwer abschätzen. Sicher aber ist folgendes: Die Netzkapazitäten könnten zum limitierenden Faktor der digitalen Wirtschaftsentwicklung werden. Entsprechend braucht es möglichst leistungsfähige Netze.
Wie wichtig ist es, dass diese Netze möglichst flächendeckend vorhanden sind, wie dies der Verband openaxs zu erreichen versucht?
Helbing: Auch das ist sehr wichtig, aus ähnlichen Gründen wie einst bei der Erschliessung der Schweiz mit Eisenbahnen, Postbussen und Strassen. Beispielsweise kann man sich vorstellen, dass viele Produkte per 3D-Druckverfahren in Zukunft direkt zu Hause beim Kunden produziert werden. Irgendwann wird keiner mehr Lieferzeiten akzeptieren. Man wird ein Produkt sofort haben wollen, ohne zeitliche Verluste und Unbequemlichkeiten. Der Kunde wird dann selber zum Produzenten. Und mit allem, was wir tun, entstehen neue Daten und somit potenziell neue Produkte; somit also auch die Chance, neue Werte zu generieren. Damit diese Informationen fliessen können, braucht es die nötige Infrastruktur. Wer nicht darüber verfügt, bleibt von wichtigen Entwicklungen ausgeschlossen.
Und wie wichtig ist es, dass ein neutrales Netz gebaut wird? Dass also Dienstanbieter, aber auch Infrastrukturnutzer die gleichen Zugriffsrechte haben?
Helbing: Ich bin sehr skeptisch gegenüber jeder künstlichen Verengung, die man in einem System einführt. Solche Verzerrungen können langfristig zu Problemen führen. Entscheidend für die Bewältigung der digitalen Revolution wird sein, dass wir die Weisheit der Vielen nutzen können, die sogenannte kollektive Intelligenz. Je mehr Perspektiven zusammen gefunden werden, desto besser die Lösungen. Dazu braucht es eine möglichst gleichberechtigte Beteiligung möglichst vieler – auch in Produktions- oder Entscheidungsprozessen. Ausschlussverfahren können wir uns immer weniger leisten.
Was wäre die Folge davon?
Helbing: Wenn wir keine Chancengleichheit haben, und zwar flächendeckend, dann bleiben wir hinter dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Potenzial zurück. Die Leistungsfähigkeit der digitalen Gesellschaft erfordert es, alle Ressourcen zu erschliessen, und viele davon liegen bei den Kunden, Mitarbeitern und Bürgern überall im Land. Daher schlage ich auch offene und partizipative Datenplattformen vor. Sie wären eine Art Katalysator für die volle Entfaltung des innovativen Potenzials der digitalen Gesellschaft.
Die deutsche Bundesregierung treibt die Digitalisierung der Wirtschaft seit 2012 mit einer High-Tech-Strategie voran. Droht die Schweizer Politik das Thema zu verschlafen?
Helbing: Es ist jedenfalls höchste Zeit, dass sie sich dieses Themas annimmt. In der Tat stehen wir heute an einem Scheideweg. Ich sehe zwei mögliche Varianten der digitalen Gesellschaft. In der einen Variante häufen immer weniger Konzerne immer mehr Daten an und versuchen dadurch eine immer grössere Kontrolle über wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse zu gewinnen und immer mehr Macht über Individuen. Dieses Szenario ist durchaus realistisch, führt aber aufgrund mangelnder Partizipation zu sozialen Konflikten und Massenarbeitslosigkeit. Und wenn uns die Arbeit ausgeht, bricht auch der Konsum ein und damit eine wichtige Stütze der Wirtschaft. Unter diesen Umständen würde die digitale Gesellschaft eine Art Wüste. Stattdessen brauchen wir einen digitalen Regenwald.
Wie gelangen wir dorthin?
Helbing: Indem Informationsmassen nicht nur von wenigen Unternehmen genutzt, sondern nach einer kommerziellen Verwertungsperiode für alle verfügbar gemacht werden. Nur so kann Diversität gedeihen und jeder seine eigenen Ideen einbringen und umsetzen. Auf diese Weise wachsen nicht nur Prozessorleistung und Datenmengen exponentiell, sondern auch Innovationen und die Vielfalt von Produkten und Dienstleistungen. Das wird am Ende allen nutzen, auch den grossen Unternehmen. Wir sollten also ein digitales Produktionsökosystem schaffen. Öffentliche Informationsplattformen könnten wie Katalysatoren für Innovationen wirken. Dann könnten wir alle neue digitale Werte generieren - und das fast unbegrenzt.
* Dirk Helbing, geboren 1965 in Aalen, wirkt seit 2007 als Professor für Soziologie an der ETH Zürich. Zurzeit verfasst er ein Buch zur digitalen Gesellschaft.
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